‚Maos reiche Erben‘ – Zur Situation der Finanzmärkte in China

Die wirtschaftliche Entwicklung der VR China geht weiter voran. Im ersten Quartal 2007 legte das reale Bruttoinlandsprodukt um 11,1% gegenüber dem Vorjahr zu. Die Umsätze im Einzelhandel stiegen und trotz des hohen Wachstumstempos bleibt die Inflation derzeit moderat. Der Preisauftrieb schwächte sich im April gegenüber dem Vormonat um 0,3 Prozentpunkte auf 3,0 Prozent ab. Eine weitere nachhaltige und vor allem stabile Entwicklung wäre die beste Voraussetzung für eine Entwicklung des Kapitalmarktes im Rahmen des 11. Fünfjahresplans.

Sorgen machen jedoch die Entwicklungen an den Immobilien wie Finanzmärkten. Hier gibt es Anzeichen auf eine Spekulationsblase. An der Börse von Shanghai stiegen die Aktienkurse seit Anfang 2006 um mehr als 200%. Zuletzt hatte der Index ein Rekordhoch von 4200 Punkten erreicht. Manche Experten gehen bei einem derartigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von einer Überbewertung aus. Besonders im Vergleich zu den übrigen Schwellenländer sticht der Aktienmarkt der VR China hervor, denn das KGV liegt hier ca. drei mal so hoch, bei einem Wert von 50. Mit ein Grund dafür ist der Sprichwörtliche „Run“ auf Aktien in der Volksrepublik. 1,5 Millionen neue Depots gibt es inzwischen, jede Woche. Täglich sind es rund 300 000 neue Depots. Chinesische Privatanleger dürfen diese nur bei den Festlandsbörsen von Shanghai und Shenzhen ordern. Eine erste Rekordmarke war bereits am 27. Februar diesen Jahre erreicht worden, die nicht nur weltweit für Aufsehen bei den Analysten sorgte, sondern auch innerhalb der Volksrepublik eine Debatte anregte. Vermutungen es handele sich um eine ernsthaft bedrohliche Blase wurde die Analyse entgegengesetzt dies sei nur ein interner Rückkopplungseffekt des Aktienmarktes. Zhou Zhengquing (stellvertretender Chef des Finanz- und Wirtschaftskomitees des NVK, Mitglied im ständigen Ausschuss des NVK) wies darauf hin, dass Investoren sich einer dialektischen Analyse verschiedener Meinungen bedienen sollten, und warnte vor voreiligen Schlüssen und blindem Vertrauen in Ansagen, seien sie aus der VR China selbst oder aus dem Ausland.

Mao Tse-Tung dürfte in seinem Grabe rotieren: In der Volksrepublik China gibt es inzwischen mehr Aktionäre als Mitglieder in der Kommunistischen Partei1

Diese Annahme ist zwar reißerisch, aber auch ebenso falsch. Die KP Chinas verfügte 2002 über 66,35 Mio. Mitgliedern. Zwar liegt ein Grund für das rasante Anwachsen und auch eine potentielle Instabilität der chinesischen Finanzmärkte in der große Zahl der privaten Einzelanleger, in den offiziellen Statistiken wird jedoch jedes einzelne Depot als ein privater Anleger ausgewiesen. Mit eingerechnet werden auf diese Weise diejenigen, die sowohl in Shanghai als auch Shenzhen Depots eröffnen um an beiden Märkten zu handeln, und solche die in betrügerischer Absicht mit gefälschten Papieren und einer Unmenge an Aktienkonnten spekulieren. So ist die tatsächliche Zahl der an dem „Run“ auf den Aktienmarkt beteiligten Chinesen bedeutend niedriger. Anfang Mai betrug die Anzahl der Portfolios nach den offiziellen Statistiken zwar 95 Mio. Experten gehen jedoch von „nur“ 30 Mio. aus. Eine nach wie vor beachtliche Zahl, auch eingedenk der Tatsache das rund 800 Mio. der 1,3 Mrd. Chinesen in ländlichen Regionen einen schlechten bis begrenzten Zugang zu den Märkten haben. Mit der Anzahl der Mitglieder der KPCh ist sie dennoch nicht zu vergleichen.

Bedenkt man, dass der chinesische Kapitalmarkt seit Juni 2001 stagnierte ist die derzeitige Entwicklung durchaus positiv zu bewerten, zumal die seit 2006 zu erkennenden Veränderungen als ein Erfolg der Bemühungen seitens des Zentralrats der KPCh und des Staatsrates zu sehen sind, die Reformen zu intensivieren und weiter voran zu treiben. Vor allem die Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen trugen laut Zhou zum Aufbruch an den chinesischen Börsen bei. Hinzu kommt neben regulären Faktoren, wie die Qualität und Effizienzsteigerung bei den gelisteten Firmen die verbesserten Regulationsmechanismen und die forcierte Steuerung des Kapitalmarktes. Nach wie vor stellen jedoch Betrug, Insiderhandel und andere Finanzmarktverbrechen die forcierte Entwicklung der chinesischen Finanzmärkte vor große Probleme. Gerade die Tatsache, dass die Entwicklung in der VR China in den sprichwörtlichen „Kinderschuhen“ steckt, macht sie im Vergleich zu etablierte Märkten anfällig. Dies betrifft sowohl Investoren -allen voran die Einzelanleger- als auch das Regulationssystem. Eine Aufklärung über die Risiken und Möglichkeiten des Börsenwesens wären ein wichtiger Schritt.

Doch nach wie vor fließt Kapital in die Märkte und sorgt weiterhin für einen rasanten Aufstieg der Indizes der beiden Festlandsbörsen. Trotzt besorgter Äußerungen von Ministerpräsident Wen Jiabao und dem Präsident der als Zentralbank fungierenden People’s Bank of China Zhou Xiaochuan finden Warnungen über die Risiken der Spekulationsblase gerade bei den Neuaktionären wenig Verständnis. Derzeit sind die Meinungen geteilt. Zwar gehen derzeit viele Experten von einem Platzen der Blase aus, die Frage scheint dabei nur zu sein: wann? Während die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD, deren asiatische Mitgliedsstaaten Japan, Neuseeland und Südkorea sind) vor einer „merkliche Korrektur“ warnt, deren Auswirkung auf die Börsenmärkte fatal sein könnte überzeugt die hohe makro- und mikroökonomische Steuerungsfähigkeit der VR China nach wie vor ausländische Investoren und Anleger. Eine effektive Regulation durch den Gebrauch ökonomischer Mechanismen und marktorientierter Veränderungen scheint eine Antwort auf die derzeitigen Risiken zu sein:
Durch die vierte Leitzinserhöhung der People’s Bank of China seit 2006 und die Erhöhung der Reserveverpflichtung für Banken auf inzwischen 11,5 Punkten ist eine Besserung zu erwarten.

By doing so, the People’s Bank of China attempts to impose curbs on excessive investment and the speculative bubble on the stock market, but it is too early to say whether the move will be effective1

So schätzt Yin Jianfeng, Finanzexperte der Chinese Acadamy of Social Sciences die Lage ein. Überschüssige Liquidität würde auf diese Weise abgeschöpft die ansonsten in Aktienmarkt, Immobilien und übermäßige Anlageinvestitionen fließen. Direkte administrative Eingriffe jedoch, die das Wirtschaftswachstum verlangsamen und die Entwicklung der Finanzmärkte der VR China beeinträchtigen könnten sind derzeit nicht angeraten.

(cmb)

    Zur Vertiefung:

    • China has no serious stock market bubble. In: People’s Daily Online 23.03.2007
    • China shares continues winning streak. Via: gov.cn 22.05.2007 [zurück]
    • China im Aktienrausch: Via: China Economic Net 17.05.2007
    • Falsche Strategie. In: Wirtschaftswoche Nr. 21 21.05.2007 S. 52
    • Greenspans Warnung lässt Chinesen kalt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 120 25.05.2007 S.23
    • Maos reiche Erben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 120 25.05.2007 S.20 [zurück]
    • Neuer Markt. Chinabörsen. In: Wirtschaftswoche Nr. 22 26.05.2007 S. 140
    • OECD sorgt sich um Chinas Börsen. In: junge Welt 25.05.2007 S. 9
    • USA drängt auf Aufwertung. In: Financial Times Deutschland 18.05.2007